28. October 2012 | Von | Kategorie: Aktuelles, Buchtipps, Rezensionen

Eine Rezension unseres Kunden Markus:

„Und wer von uns verhungert ist, der fiel in einer Schlacht. Und wer von uns gestorben ist, der wurde umgebracht.“ Mit diesem Zitat von Bertolt Brecht beginnt Jean Zieglers neuestes Buch, „Wir lassen sie verhungern“. Ein treffenderes Zitat, um sein Werk zu beschreiben, hätte der Autor nicht wählen können. In gewohnt provokanter und ungeschönter Weise, schildert Jean Ziegler die Schrecken und das Leid, welches das Massaker durch den Hunger in den Ländern der sogenannten Dritten Welt hervorruft. Ziegler bedient sich dabei seiner weitreichenden Erfahrungen, welche er von 2000 bis 2008, als Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, sammeln konnte.

Das vorliegende Werk beginnt in kurzen Kapiteln mit der Schilderung persönlicher Schicksale der ärmsten Menschen aus den verschiedensten Teilen der Erde. Durch seinen bekannten Schreibstil entführt Ziegler den Leser direkt an den Ort des Geschehens, den Ort, an dem Kinder verhungern. Hier zeigt sich der positive Effekt der kurzen Kapitel: der Leser erhält Zeit um zu verschnaufen. Unterlegt sind diese Beschreibungen mit zahlreichen Tabellen und Diagrammen der UNO, des WFP (World Food Programme) oder der FAO (Food and Agriculture Organization), welche in nüchternen und erschreckenden Zahlen das Ausmaß des Grauens zeigen.

Im darauf folgenden Teil des Buches zeigt Jean Ziegler auf, dass der Hunger keineswegs als Schicksal anzusehen ist, wie es einst Thomas Malthus auffasste, sondern ein von Menschenhand geschaffenes strukturelles Problem, welches überwiegend die Bevölkerungen der südlichen Hemisphäre betrifft: „Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern.“ (Ziegler 2012, S.103) Ebenso wird aufgezeigt, dass kein Mensch auf der Erde hungern müsste. Die vorhandenen und produzierten Nahrungsmittel könnten mehr Menschen versorgen, als derzeit auf unserem Planeten leben.

Warum hungert ungeachtet dieser Tatsache dennoch ein Siebtel der Weltbevölkerung? Auch auf diese Frage liefert Jean Ziegler die richtigen Antworten und nennt in den folgenden Kapiteln die Schuldigen. So wurde unter anderem durch den Einfluss der „transkontinentalen Kraken“ sowie der „neoliberalen Kreuzritter“ auf die Politik eine Ratifizierung des Rechts auf Nahrung gemäß Artikel 11 des Internationalen Paktes der Vereinten Nationen (UN Sozialpakt) bisher weitestgehend verhindert. Hier stehen ökonomische Interessen einiger weniger Großkonzerne im Vordergrund. Auch auf die Folgen der energetischen Verwendung von Lebensmitteln als Treibstoffe geht der Autor ein. Monokulturen zerstören ganze Landstriche und entziehen dadurch der jeweiligen Bevölkerung die Lebensgrundlage. Als dritten Faktor nennt Ziegler die ungehemmte Gier der Spekulanten, die sich nach der Bankenkrise 2008 ein neues, lukratives Betätigungsfeld suchten. Die Preise für Lebensmittel sind dadurch zum Teil in schwindelerregende Höhen gestiegen, mit den entsprechenden Folgen für die Ärmsten der Armen. Finanziert wird dies alles von den „modernen apokalyptischen Reitern“ – der WTO (Welthandelsorganisation), des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der Weltbank.

Vorschläge, wie die Folgen diese ungezügelten Kapitalismus gemildert oder gar vermieden werden können, liefert „Wir lassen sie verhungern“ ebenfalls. Ziegler führt unter anderem das Spekulationsverbot für Lebensmittel, eine Ratifizierung des Rechtes auf Nahrung, Verbot der Herstellung von Biokraftstoffen aus Nahrungspflanzen und die Zerschlagung des globalen Kartells der Kraken des Agrarrohstoff- und Nahrungsmittelhandels als Waffen gegen den Hunger an. Aber „Was vor allem fehlt, ist der Wille der Staatengemeinschaft.“ (Ziegler 2012, S.305) Bleibt die Hoffnung, dass sich die angesprochenen radikalen Veränderung auch innerhalb des kapitalistischen Systems herbeiführen lassen und eine kausale Lösung des Problems gewollt ist.

Dieses Buch ist im Onlineshop und in unseren Läden bestellbar. Mit deiner Bestellung bei uns förderst du unsere Arbeit als soziales und integratives Unternehmen und unterstützt uns bei der aktiven Leseförderung durch Projekte wie den Berliner Lesetroll.

Titel: Wir lassen Sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt.
Autor: Jean Ziegler
Übersetzer: Hainer Kober
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
Genre: Sachbuch – Politik
ISBN: 978-3-5701-0126-1
Preis: 19,99 Euro

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